Bisher ist der Prozess des Alterns ein unausweichlicher Teil des menschlichen Lebens. Mit dem Fortschreiten der Zeit unterliegt der menschliche Körper Veränderungen auf zellulärer und molekularer Ebene, die schließlich zu sichtbaren Anzeichen des Alterns führen – bis hin zu Alterskrankheiten. Ein gesunder Lebensstil, der regelmäßige körperliche Aktivität, eine ausgewogene Ernährung, ausreichend Schlaf und den Verzicht auf schädliche Gewohnheiten, beispielsweise das Rauchen, beinhaltet, wird oft als Schlüssel zur Verlangsamung des Alterungsprozesses betrachtet. Aber reicht ein gesunder Lebensstil tatsächlich aus, um nicht mehr zu altern und den Alterungsprozess zu stoppen? Und falls nicht: Sorgt ein gesunder Lebensstil wenigstens für eine signifikante Verlangsamung des Alterungsprozesses?

Warum altern wir?

Der biologische Alterungsprozess

Der biologische Alterungsprozess ist ein komplexes Zusammenspiel aus genetischen Faktoren, Umwelteinflüssen und Lebensstilfaktoren. Im Laufe der Zeit verlieren Zellen an Funktionsfähigkeit, und der Körper wird anfälliger für Krankheiten und degenerative Veränderungen. Um diesen Prozess zu beeinflussen, gibt es einige Faktoren, die die Geschwindigkeit, mit der der Prozess voranschreitet, beeinflussen können. Zunächst schauen wir uns jedoch an, wie sich Altern in Subkategorien unterteilen lässt.

Primäres Altern

Grundsätzlich wird zwischen primärem und sekundärem Altern unterschieden. Das primäre Altern wird durch zelluläre Alterungsprozesse hervorgerufen und definiert somit die maximal erreichbare Lebensspanne für eine Spezies. Primäres Altern beinhaltet die biologischen Prozesse, die natürlicherweise im Körper ablaufen und dafür sorgen, dass wir altern. Beispielsweise benötigt unser Körper für u. a. die Muskelkontraktion ATP, welches in den Mitochondrien hergestellt wird. Durch die Herstellung von ATP werden jedoch freie Radikale frei, die über die Zeit dafür sorgen, dass die mitochondriale DNA mutiert. Dadurch können die Mitochondrien nicht mehr auf dem ursprünglichen Wege (oxidative Phosphorylierung + Citratzyklus) ATP herstellen, sondern nur noch durch den Citratzyklus, wodurch ein Überschuss an Elektronen entsteht, was diverse Zellschäden verursacht, die zur Alterung beitragen. Wir können noch so gesund leben, diesen Alterungsprozess werden wir nicht durch einen gesunden Lebensstil verhindern können, da jeder von uns ATP benötigt und durch die Herstellung von ATP automatisch freie Radikale entstehen, die mit der Zeit in Zellschäden resultieren.

Sekundäres Altern

Der sekundäre Alterungsprozess kann beispielsweise Folge von Krankheiten, Bewegungsmangel, schlechter Ernährung, schlechter Luft oder dem Konsum von Suchtmitteln sein. Er tritt als Folge eines (ungesunden) Lebensstils auf. Sekundäres Altern ist also der Teil des Alterns, der sich tatsächlich durch einen gesunden Lebensstil verhindern lässt.

Kann man primäres und sekundäres Altern voneinander abgrenzen?

Die beiden Subkategorien dienen eher dazu, deutlich zu machen, dass es Alterungsprozesse gibt, die sich nicht durch einen gesunden Lebensstil beeinflussen lassen, sondern natürlich in unserem Körper ablaufen, egal wie gesund wir leben. In Realität ist es jedoch so, dass auf molekularer oder zellulärer Ebene bei primärem oder sekundärem Altern nicht wirklich unterschiedliche biologische Veränderungen ablaufen. Es ist eher so, dass ein schlechter Lebensstil den Alterungsprozess beschleunigt, der von Natur aus abläuft und sich ohne künstlichen Eingriff nicht verhindern lässt.

Grenzen eines gesunden Lebensstils

Wer also einen gesunden Lebensstil anstrebt, um nicht zu altern, verhindert lediglich den Teil des Alterns, der zusätzlich zum natürlichen Alterungsprozess passiert, nicht jedoch den natürlichen Alterungsprozess selbst. Und das ist der Punkt, an dem Verjüngungsforschung ansetzt.

Verjüngungsforschung und primäres Altern

Verjüngungsforschung hat zum Ziel, das Altern rückgängig zu machen. Im Unterschied zu Menschen, die darauf abzielen, mithilfe von gesunder Lebensführung sekundäres Altern zu verhindern, zielt Verjüngungsforschung darauf ab, zusätzlich zum sekundärem Altern auch das primäre Altern rückgängig zu machen. Da primäres Altern maßgeblich für die maximale Lebensspanne ist, die eine Spezies erreichen kann, würde erfolgreiche Verjüngungsforschung nicht nur für ein gesünderes Leben sorgen, sondern sogar für ein verlängertes, gesünderes Leben. Wenn regelmäßig Verjüngungstherapien angewendet und verbessert werden, wäre es sogar denkbar, dass die maximale Lebensspanne signifikant steigt (Longevity Escape Velocity).

Sorgt ein gesunder Lebensstil wenigstens für eine signifikante Verlangsamung des Alterungsprozesses?

Zunächst: Diese Frage lässt sich nicht leicht beantworten und vielleicht ist es deshalb bisher auch noch nicht so bekannt, dass ein gesunder Lebensstil einen vergleichsweise geringen Effekt hat. Aber was macht es so schwer, diese Frage zu beantworten?

Um eine fundierte Antwort auf diese Frage zu geben, müssten alle Möglichkeiten eines gesunden Lebensstils betrachtet werden. Zudem bräuchte man Messwerte, inwiefern dieser oder jener Lebensstil die mittlere und maximale Lebensspanne beeinflusst. Um jedoch den Einfluss auf die Lebensspanne beim Menschen zu erfassen, müsste eine entsprechende Studie mehrere Jahrzehnte lang laufen – und davon gibt es bisher noch nicht viele. Wir haben uns für euch trotzdem mal das verfügbare Datenmaterial angeschaut.

Kalorienrestriktion als eine der wirksamsten Lifestyle-Interventionen

Kalorienrestriktion ist die Reduzierung der Energieaufnahme ohne Mangelernährung. Sie gilt als einer der wirksamsten Lebensstile für ein langes, gesundes Leben.

Calorie restriction (CR) is, to date, the most successful intervention to delay ageing progression or the development of age‐related chronic diseases.1

Und dennoch verlängert Kalorienrestriktion die Lebenserwartung vermutlich nur um 2-3 Jahre.2

Die Intervention also, die als am wirksamsten gilt, hat wahrscheinlich nur einen lebensverlängernden Effekt von 2-3 Jahren. Dieser Effekt ist so gering, dass die meisten Leute wohl in Kauf nehmen würden, 2-3 Jahre kürzer zu leben, statt ihre Kalorienzufuhr zu verringern. Denn es ist oft nicht einfach, seine Kalorienzufuhr zu reduzieren oder kann mit der Zeit teuer werden, wenn man stattdessen sogenannte CMR (caloric restriction mimetics) einnimmt, die die positiven Effekte der Kalorienrestriktion erzeugen sollen, ohne dass man auf seine Kalorienzufuhr achten muss.

Blue Zones – Regionen der Langlebigkeit

Blue Zones sind sogenannte Regionen, in denen die dort lebenden Menschen durchschnittlich älter werden als der Durchschnitt der Menschen, die in anderen Regionen wohnen. Die Werte, die dies belegen, basieren meist auf demographischen Daten. Zu den Blue Zones gehören beispielsweise Okinawa in Japan, Sardinien in Italien und Loma Linda in den Vereinigten Staaten.

Blue Zones sind deshalb so interessant, weil man sich den Lebensstil der dort lebenden Menschen anschauen und so Rückschlüsse ziehen kann, welcher Lebensstil besonders gesund ist, indem man den Lebensstil der verschiedenen Blue Zones miteinander vergleicht, um Schnittstellen zu finden, oder indem man Unterschiede zu den Regionen sucht, die keine Blue Zones sind.

Es kann also davon ausgegangen werden, dass Leute, die in den Blue Zones leben, mit ihrem Lebensstil sehr viel „richtig“ machen. Wie viel älter werden diese Menschen also, die sehr viel richtig machen, also sehr gesund leben?

Die mittlere Lebenserwartung der Einwohner von Okinawa ist im Jahr 1995 1,5 Jahre höher als die der Einwohner des japanischen Festlands, der Unterschied in der maximalen Lebenserwartung beträgt 3,8 Jahre. Verglichen mit Amerikanern ist die mittlere Lebensspanne um 4,9 Jahre höher – immer noch sehr wenig.3

Selbst die Menschen, die also sehr gesund leben – wie auch immer ihr gesunder Lebensstil aussieht – leben im Schnitt nur 5 Jahre länger als Menschen, die einen durchschnittlichen Lebensstil führen.

Ein anderer (möglicherweise noch einfacherer) Weg, die Auswirkung einer gesunden Lebensführung mit heutigen Mitteln zu messen, ist ein Vergleich der Lebenserwartung verschiedener Länder. Japan zum Beispiel ist dafür bekannt, auch insgesamt eine der höchsten Lebenserwartungen der Welt zu haben. Gründe dafür sind das gut ausgebaute Gesundheitswesen, die hohen Hygienestandards und vor allem die gesunde Ernährung: viel Gemüse, Fisch, Meeresfrüchte, Reis und grüner Tee. Dennoch ist Japan, obwohl es in der Liste aller Länder nach durchschnittlicher Lebenserwartung auf Platz 4 liegt, den USA, die nur auf Platz 48 liegen, lediglich um 4,2 Jahre voraus.4

Fazit: Reicht es aus, gesund zu leben, um nicht zu altern? Reicht es wenigstens aus, gesund zu leben, um gesund zu altern?

Nein! Ein gesunder Lebensstil verhindert lediglich sekundäres Altern, was – wie die Bezeichnung bereits ausdrückt – nicht der „Hauptalterungsprozess“ ist, sondern diesen lediglich beschleunigt. Mit einem gesunden Lebensstil verhinderst du also nur, dass der Alterungsprozess, der sowieso abläuft, noch schneller abläuft. Ein gesunder Lebensstil kann die Geschwindigkeit des Alterungsprozesses beeinflussen, aber er kann ihn nicht aufhalten. So ergeben sich auch die 3-5 Jahre, die man mit heutigen Maßnahmen für einen „gesunden Lebensstil“ dazugewinnen kann.

Ob das für einen selbst reicht, man also keine Notwendigkeit sieht, sich statt des gesunden Lebensstils oder zusätzlich dazu für mehr Verjüngungstherapien einzusetzen, obwohl Verjüngungstherapien primäres Altern rückgängig machen könnten und so potenziell für eine beträchtlich höhere Erhöhung der maximalen Lebensspanne sorgen könnten, muss jeder für sich selbst entscheiden. 

Quellen
  1. López-Lluch G, Navas P. Calorie restriction as an intervention in ageing. J Physiol. 2016 Apr 15; 594(8): 2043-60. doi: 10.1113/JP270543. https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC4834802/ (zuletzt aufgerufen: 06.12.2023)
  2. de Grey AD. The unfortunate influence of the weather on the rate of ageing: why human caloric restriction or its emulation may only extend life expectancy by 2-3 years. Gerontology. 2005 Mar-Apr; 51(2): 73-82. doi: 10.1159/000082192. The Unfortunate Influence of the Weather on the Rate of Ageing: Why Human Caloric Restriction or Its Emulation May Only Extend Life Expectancy by 2–3 Years | Gerontology | Karger Publishers (zuletzt aufgerufen: 06.12.2023)
  3. Willcox BJ, Willcox DC, Todoriki H, Fujiyoshi A, Yano K, He Q, Curb JD, Suzuki M. Caloric restriction, the traditional Okinawan diet, and healthy aging: the diet of the world’s longest-lived people and its potential impact on morbidity and life span. Ann N Y Acad Sci. 2007 Oct; 1114: 434-55. doi: 10.1196/annals.1396.037. https://citeseerx.ist.psu.edu/document?repid=rep1&type=pdf&doi=d60c36654c81af95c02fdf8e428971fab2f392c6 (zuletzt aufgerufen: 06.12.2023)
  4. https://de.wikipedia.org/wiki/Liste_von_L%C3%A4ndern_nach_durchschnittlicher_Lebenserwartung (zuletzt aufgerufen: 06.12.2023)